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Wachstumsaktien? Substanzaktien?

von Ulf Hinrichsen

Das Börsenjahr 2020 wird als eines der turbulentesten in die Geschichte eingehen. Nachdem noch im Februar viele Aktienmärkte Rekordhochs erreicht hatten, löste die Corona-Pandemie einen der heftigsten Aktien-Crashs aus, den die Börsen je erlebt haben. Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Kurserholung, die den größeren Teil der Kursverluste innerhalb weniger Monate wieder aufgeholt hat. Eine Reihe von Aktienindizes kletterte bereits über die Niveaus, die vor dem Corona-Crash erreicht worden waren.

Auffällig war, dass sowohl in der Phase, in der die Aktienkurse stark fielen, als auch in der Phase der Kurserholung Anleger sogenannte „Wachstumsaktien“ bevorzugt haben.

Was genau versteht man unter Wachstums- und Substanzaktien?

Aktien werden bei der Berechnung entsprechender Indizes überschneidungsfrei in „Growth“ (Wachstum) und „Value“ (Wert) eingeteilt. Dies geschieht über das sogenannte Kurs-Buchwert-Verhältnis, also wie weit der aktuelle Börsenwert des Unternehmens über seinem Eigenkapital liegt. Wenn an der Börse eine Aktie mehr kostet als das auf sie entfallende Nettovermögen (Eigenkapital) der Aktiengesellschaft, also mehr als die vorhandene Substanz, ist dies eine Prämie für die Erwartung zukünftiger Gewinne.

Die Hälfte aller Aktien mit dem höheren Kurs-Buchwert-Verhältnis gilt als Wachstumswert – als „Growth“-Aktie. Die andere Hälfte, die näher an ihrem Buchwert notiert, gilt als Substanzwert bzw. „Value“-Aktie.

Der Weg der Aktienkurse

Trotz des guten Abschneidens der Wachstumsaktien in den vergangenen Monaten möchte die Mehrheit der Fondsmanager ungern nur die Schublade „Growth“ bedienen. Das mag auch eine Spätfolge der schlechten Kursentwicklung von „Growth“ ab dem Jahr 2000 sein. In den späten 1990er-Jahren waren vermeintliche Wachstumsaktien aus den Technologie-Branchen stark favorisiert worden – zu stark, wie sich zeigte. Denn ab dem Jahr 2000 erwies sich die Begeisterung für Technologie, Medien und Telekommunikation als Blase.

Auch heute ist die Schere zwischen Wachstums- und Substanzaktien ähnlich weit geöffnet wie damals. Getrieben wurde die Kurserholung dieses Mal vor allem von einer Handvoll US-amerikanischer Technologiekonzerne. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der „Internet-Buden“ von vor zwanzig Jahren sind die Geschäftsmodelle heute bewährt und erfolgreich. Sogar die hohen Bewertungen relativieren sich, wenn man diese Erfolgsgeschichten in die Zukunft fortschreiben kann.

Allerdings sollte man das Risiko bedenken, dass auch die momentan führenden Technologiekonzerne ihre herausragende Position verlieren könnten. Vor zwanzig Jahren war Nokia der Weltmarktführer bei Mobiltelefonen. Heute sind Bedeutung und Börsenwert von Nokia nur noch Bruchteile von damals.

Die Favoriten der Anleger

Ähnlich wie damals zeigen Statistiken, dass die Anleger in wenigen, stark favorisierten Aktien überinvestiert sind. Unlängst veröffentlichte die schweizerische Großbank UBS dazu eine Untersuchung, die die Aktien auflistet, die am stärksten über- und untergewichtet sind. Als die UBS diese Analyse 2016 zum ersten Mal vorstellte, sollten potenzielle Aktienblasen aufgedeckt werden.

In der jüngst aktualisierten Liste der UBS belegen Wachstumsaktien der US-Tech-Konzerne Adobe, Alphabet, PayPal, Mastercard, Salesforce und Microsoft Spitzenplätze. Laut UBS gehören dagegen der asiatische Mikrochip-Hersteller Taiwan Semiconductor und der japanische Automobilkonzern Toyota zu den am stärksten untergewichteten Aktien. Dabei sollte man bedenken, dass das Gewicht der stark favorisierten Aktien in den Indizes, mit denen die UBS es vergleicht, in den zurückliegenden Jahren stark erhöht worden ist. Beispielsweise machen die fünf größten Unternehmen im technologielastigen Nasdaq-100-Index fast die Hälfte des Index aus, während sich die anderen 95 Prozent der Aktien zusammen die andere Hälfte des Index teilen müssen.

Pic by unsplash
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Fazit

Anhaltende konjunkturelle Unsicherheiten, das beschleunigte Wachstum von Online-Geschäftsmodellen und die auf unabsehbare Zeit verschwundenen Zinsen bilden das Umfeld, von dem Wachstumsaktien profitieren. Diese Entwicklung zu verpassen, konnte man sich in den vergangenen Jahren nicht leisten. Alles auf diese Karte zu setzen, ist inzwischen aber riskanter, als vielen bewusst ist. Sollten sich die Hoffnungen auf eine weitreichende Erholung der Weltkonjunktur bewahrheiten, haben „Value“-Aktien Aufholpotenzial. Anleger sind gut beraten, nicht allein auf Wachstum oder Substanz zu setzen, sondern besser breit gestreut zu investieren.

Haben Sie noch Fragen zur aktuellen Entwicklung an den Börsen, so steht Ihnen Ihr FinanzConcepter® persönlich zur Verfügung.

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